Kunstwerke als Realitätsbekundungen? Seit der Renaissance haben sich Künstler der Naturnachahmung verschrieben und sie mit Einbruch der Moderne gleichermaßen verworfen. Wie gehen Künstler heutzutage mit der Realität um? Wie setzen sie sich mit Realitätsbezügen auseinander?

Seit der Renaissance ordnet sich die Kunst der Imitation unserer Lebensrealität im Sinne neuzeitlicher Vorstellungen unter. Mit der Erfindung der Zentralperspektive im 15. Jahrhundert erfährt die Aufgabenstellung des Künstlers eine klare Definition: Das Bild mit malerischen Mitteln möglichst naturgetreu nachzuahmen. Das Können eines Künstlers wird daran gemessen, wie nah sein Werk mit Hilfe seiner technischen Fertigkeiten an die originäre Erscheinungsform heranreicht. Im 19. Jahrhundert reifen chemische Verfahren heran, die Realitätsausschnitte in das viereckige Format der Fotografie bannen. Als sich die Fotografie in der Präzision ihrer Abbildungsmodi als künstlerisches Ausdrucksmedium etabliert, wird das Streben nach imitierender Perfektion in der Malerei obsolet. Der individuelle Künstlerductus gewinnt an Bedeutung.

Im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert findet eine Zäsur im künstlerischen Denken statt: Die Realität hält Einzug in das künstlerische Schaffen. Mit den Collagen von Pablo Picasso und George Braque lösen sich Gegenstände von ihrem abbildungswürdigen Charakter und werden kunstwürdig, indem sie in ihrer haptischen Materialität und alltäglichen Banalität in das Kunstwerk eintreten. Handelsübliche Tapetenreste von fingiertem Holz ersetzen mühevoll gemalte Holzpartien; Zeitungsausschnitte erzeugen sublime Anspielungen; das Seil wird an Stelle des traditionellen Rahmens angebracht. Das Bild entspricht demnach nicht mehr den Anforderungen des berühmten Theoretikers Leon Battista Alberti aus der Frührenaissance, wonach das Gemälde durch illusionistische Malerkönnerschaft einen Anschein von Realität erwecken soll: Das Bild IST Realität.

 

Heidi Sill - Cut#101
Heidi Sill – Cut#101

 

Die Realität ist bereits zur Jahrhundertwende in der Kunstpraxis angekommen. Moderne Künstler haben den Weg bereitet – zeitgenössische Künstler setzen diesen fort. Bei Pablo & Paul verwenden Gabriel Dubois, Micosch Holland, Michael McWilliams-Foldenauer und Heidi Sill  in ihren Werken Collage-Techniken, um Papierausschnitte ihrem ursprünglichen Verwendungszweck zu entfremden und in neue Bezugssysteme einzufügen. Unkonventionelle Kompositionen ergeben ungewöhnliche Sinnzusammenhänge, die zu Irritationen führen und konditionierte Wahrnehmungsprozesse bloßlegen.

Die Künstlerin Julia Schewalie eignet sich in ihren Werken eine künstlerische Strategie an, die durch Materialästhetik Realitätsbezüge herstellt. Die Objekte geben aufgrund der glänzenden Oberflächenbeschaffenheit von Autofolie, Vinylschallplatten, Acrylglas oder Bitumen-Schweißband in Abhängigkeit der Lichtverhältnisse die Umgebung wieder. Durch verzerrte Spiegelungen wird das Umfeld des Kunstwerkes einbezogen, das somit zum werkimmanenten Bestandteil avanciert. Das Abbild der Realität verändert sich mit der Position des Betrachters, sodass dessen Bewegung im Raum die Strukturen des Bildes konfiguriert.

 

Julia Schewalie - Mosaic#Acrylic Glass 2,5
Julia Schewalie – Mosaic#Acrylic Glass 2,5

 

Eine Ausdehnung in die Dreidimensionalität der Realität erfahren die Werke von Alescha Birkenholz und Ramona Czygan. Die Künstler wählen im Einklang mit ihren zweidimensionalen Werken Rahmen aus, die mit den bildinternen Strukturen in einen Dialog treten. Entscheidungen über Größe und Materialität des Rahmens sowie Beschaffenheit des Passepartouts gehen in den kreativen Schöpfungsakt ein. Der Rahmen wird an der Schwelle zwischen Realität und Repräsentation vom künstlerischen Schaffen vereinnahmt: Das Kunstwerk wandelt sich vom Bild zum Objekt.

Fotografen wie Tana Hell, Chris Roemer und Daniel Rüdiger Mueller filtern die Realität durch das Objektiv ihrer Kamera. Durch Motivauswahl, Ausschnitt, Perspektive lassen sie den Betrachter an der Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit teilhaben. Sie schaffen individuelle Bildkompositionen, die von der Wahrhaftigkeit des Momentes ausgehend ihre Wirkung in der Bildhaftigkeit entfalten.

 

Tana Hell - Angkor Wat
Tana Hell – Angkor Wat

 

In der Moderne revolutionieren Künstler den vorherrschenden Kunstbegriff, um sich vom mimetischen Abbildcharakter eines Bildes zu lösen. Statt die Realität zu imitieren, gilt es, die Realität zu integrieren. Zeitgenössische Künstler reihen sich in diese Tradition ein und entwickeln neue künstlerische Strategien, um das sich stetig wandelnde Kunstverständnis zu formen.

Alle Werke findet ihr auch in unserem Online Shop.

 

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on Google+